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Literarischen Lebenslauf dem Schriftsteller Erich Kästner

Leopoldshöhe (pk). Krankheit kann ein Glück sein. Erich Kästner wurde 1917 als Soldat herzkrank. Damit blieb Deutschland ein Schriftsteller erhalten, dessen Texte und Gedichte nach 80 und mehr Jahren so aktuell klingen, als wären sie gerade geschrieben.

Jörg Czyborra und Bernd Weidtkamp lasen und sangen sie und gestalteten so einen literarischen Lebenslauf des Künstlers. „Was nicht in euren Lesebüchern steht“ überschreiben die beiden ihre Lesung, die sie seit vielen Jahren immer wieder einmal geben und die nichts von ihrer Aktualität verloren hat.

Mehr noch: was vor einigen Jahren noch wie ein Widerhall aus längst vergangenen Zeiten klang, erscheint heute als eine deutliche Mahnung, den seit 2015 immer unverfrorener aufscheinenden menschenfeindlichen Tendenzen in Gesellschaft und Parlamenten rechtzeitig den Raum zu verstellen und den Schneeball zu zertreten, bevor er zur Lawine wird, wie es Kästner in einem seiner Texte geschrieben hat.

Kästner ist 1899 in Dresden geboren. 1917 sollte er wie viele seiner Generation Soldat des Ersten Weltkriegs werden. Er verdankt einem sadistischen Sergeanten eine Herzschwäche und war deswegen vom Dienst an der Front befreit, wie es Bernd Weidtkamp schilderte.

Kästners Erfahrung ließ ihn zum Anti-Militaristen werden. Schon Mitte der 1920er Jahre wendete sich Kästner gegen den in der Gesellschaft um sich greifenden Militarismus und veröffentlichte das Gedicht „Von faulen Lehrern“.

Eine Lehrervereinigung hatte nichts Besseres zu tun, als sich dagegen zu wenden, was Kästner bewog, ein weiteres, deutlicheres Gedicht zu schreiben, in dem er den Lehrern die Erziehung der Kinder zum Militarismus und zum Untertanen vorwirft.

Bernd Weidtkamp versteht es, einerseits ein wenig nonchalant zu wirken, auf der anderen Seite den Texten einen subtilen Nachdruck zu verleihen, durch den bei aller Leichtigkeit der Ernst der Lage klar wird und das Lachen nicht mehr so leicht aus dem Halse strömt.

Jörg Czyborra vertonte etliche Texte Kästners schon vor Jahren. Ein Ruf aus dem Publikum, er sei ein Reinhard Mey aus Oerlinghausen, schien ihn zu irritieren und gleichzeitig das Richtige zu beschreiben. Seine Vertonungen kommen wie die Reinhard Meys scheinbar leichtfüßig daher.

Sie entfalten gerade deswegen eine unziemliche Wucht – liebevolle Deutlichkeit, wie im Gedicht „Kleine Stadt am Sonntagmorgen“, in dem so mancher Leopoldshöher Zuhörer sich und seine Wohngemeinde wieder gefunden haben mag. Czyborra und Weidtkamp streiften das Thema Kästner und die Frauen, da auch das Verhältnis Kästners zu seiner Mutter.

Das Gedicht „Sachliche Romanze“ in dem Kästner das Ende einer Beziehung verarbeitet, gehört dazu. Die Arbeiten aus der Zeit der Weltwirtschaftskrise hören sich an, als hätte Kästner die Bankenkrise von 2008 beschrieben. Die Warnungen vor dem Aufstieg der Nazis Anfang der 1930er Jahre hören sich an, als wären sie in diesen Tagen verfasst worden.

Weidtkamp und Czyborra stoßen ihre Zuhörer nicht mit der Nase auf die Zusammenhänge – die kommen von ganz allein darauf. Es gibt einigen herzlichen Applaus und Lob für den Veranstaltungsort, den Museumswart Eberhard Titze schon Stunden vor Beginn angeheizt hatte.